Netzwerk Strom
Für Deutschlands Energieprobleme sind nicht nur alte Kraftwerke und teure Rohstoffe verantwortlich, sondern vor allem das Netz
Es gibt viele Trauerspiele im deutschen Stromnetz. Immerhin geht es um Wettbewerb: zwischen etablierten Stromunternehmen, zwischen alten und neuen Anbietern, zwischen Kraftwerken und Windrädern, zwischen Inländern und Ausländern. Schwierigkeiten mit dem Netz bekommt fast jeder, der in Deutschland den Platzhirschen Konkurrenz machen will - ob als Stromhändler, Windmüller oder Kraftwerks-Bauherr.
Seit 1998 gibt es Wettbewerb im deutschen Stromnetz - angeblich. Von den 150 Stromanbietern, die 1998 auf den Markt strebten, sind noch zehn übrig, davon sind einige in Rechtsstreitigkeiten verwickelt. Nach Streit ist auch Jürgen Putz zumute. Putz ist Vorstand des Frankfurter Stromhändlers Ensys und kämpft vor allem um lukrative Industriekunden. Wie jeder, der in diesem Land Strom verkaufen will, muss er auch Ökostrom absetzen, das Gesetz will es so. Im Januar hat Jürgen Putz deshalb Post von den Netzbetreibern bekommen, unangenehme Post. Ensys müsse den vier großen Netzbetreibern für 950 000 Euro zusätzlichen Ökostrom abnehmen - für das vorvergangene Jahr. Nachträglich habe der Verband der Netzbetreiber herausgefunden, dass er die Ökoenergie-Menge unterschätzt habe. "Sehr nachträglich", ärgert sich Putz. Auf einen Rechtsstreit wegen der Nachforderung würde es kein Händler ankommen lassen. Gutachten hatten ergeben, dass der Gegner nicht ein Netzbetreiber oder ein Verband wäre - sondern alle zusammen. "Das wäre der größte Rechtsstreit überhaupt", sagt Putz.
Misstrauen in der Branche
Hinter den Netzbetreibern stehen im Wesentlichen die vier großen Stromkonzerne. Sie besitzen die wichtigen Fernleitungen, Regionalverteiler, sind an vielen der gut 700 Stadtwerken beteiligt. Lauter Unternehmen, die sich über Leute wie Putz nicht freuen. Eine falsche Prognose, eine hohe Nachforderung, das kann Konkurrenten das Genick brechen. "Ein Schelm, der Böses dabei denkt", sagt Putz. Matthias Kurth, Chef der zuständigen Bundesnetzagentur, sieht am Markt "ein von Misstrauen geprägtes Klima".
Misstrauen etwa hegen Windmüller und Solarstromer. Naturgemäß liefern sie tagsüber, wenn Strom an der Börse zu Höchstpreisen gehandelt wird, die meiste Energie ins Netz. Doch die Netzbetreiber nehmen den Ökostrom nur zum billigen Standardsatz ab - den teuren Spitzenstrom dagegen verkaufen die verschwisterten Kraftwerke. "Veredelung" nennen das die Netzbetreiber - eine Veredelung allerdings zu Lasten der Verbraucher, denn die müssen den Ökostrom umso mehr subventionieren. Nicht anders läuft es bei den "vermiedenen Netznutzungsentgelten". Dahinter verbirgt sich Strom, den dezentrale Kraftwerke gleich in der Nähe ihrer Abnehmer erzeigen - so dass er nicht weit transportiert werden muss. Doch was Netze entlastet, entlastet Verbraucher noch lange nicht: Bei der gesetzlich vorgeschriebenen Auszahlung dieser Ersparnis sind die Netzbetreiber knausrig. Zu knausrig, findet Uwe Leprich, Energieexperte an der Hochschule des Saarlandes. "Letztendlich enthalten die Netzbetreiber diese Einnahmen den Haushalten vor", sagt er. An die 500 Millionen Euro im Jahr könne das ausmachen. Und die "Veredelung" des Ökostroms noch mal so viel.
Sicher: Weltweit gibt es kein Stromnetz, das so zuverlässig ist wie das deutsche. Nur 23 Minuten im Jahr, errechnete der Netz-Verband ist ein Haushalt wegen Störungen ohne Strom. Das Netz mag teuer sein, aber es ist auch gut. Nur kommt nicht jeder rein. "Wir erleben eine Schikane nach der anderen", sagte einer, der in diesem Land ein Gaskraftwerk errichten will. Dafür braucht es eine Stromleitung vom Kraftwerk zum Versorgungsnetz. Doch mehrere Unternehmen haben damit Probleme. Keiner gehört zu einem großen deutschen Energieversorger, keiner will öffentlich darüber reden. "Man hat im deutschen Netz immer den Verdacht, dass Neubauten von Dritten verhindert werden sollen", sagt auch Energieexperte Leprich. Aber bei allem Klagen über teuren Strom, alternde Kraftwerke und fehlende Energiekonzepte - darüber spricht öffentlich keiner.
Es sind die vielen rechtlichen Spielräume, die das Geschäft mit den Netzen lohnend machen - und den Wettbewerb am Strommarkt so schwierig. Wissenschaftler wie Leprich fordern sogar, das Stromnetz in unabhängige Hände zu legen. Damit droht mittlerweile auch die EU, sollte sich am deutschen Markt durch das wirken der Netzagentur nichts tun - sie arbeitet derzeit an einer Art Wettbewerbs-Imitation, die Verbraucher und Industrie zumindest bei den Netzgebühren entlasten könnte.